Diaspora – ein Gegenentwurf zu Facebook?

Auf die Suchanfrage nach dem Begriff Diaspora liefert das Online-Lexikon Wikipedia folgende Definition:

„Der Begriff Diaspora (griechisch διασπορά diaspora = Verstreutheit) bezeichnet seit dem späten 19. Jahrhundert hauptsächlich religiöse oder ethnische Gruppen, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und unter Andersdenkenden lebend über weite Teile der Welt verstreut sind.“

Obwohl die vier jungen Studenten aus New York, die hinter dem Projekt Diaspora stehen, kaum als religiöse oder ethnische Gruppe bezeichnet werden können, geht es nicht mehr und nicht weniger als um den Versuch, eine neue digitale Heimat im Web 2.0 zu schaffen. Facebook, das bisherige Mekka von Soccer moms, Schülern, Studenten und allen anderen, die nach digitaler Vernetzung streben, ist in jüngster Zeit aufgrund des Umgangs mit der Privatsphäre seiner Nutzer verstärkt in die Schlagzeilen geraten.

Matt McKeon, Entwickler in IBMs Visual Communication Lab, veranschaulichte eindrucksvoll, wie sich das Verständnis von Privatsphäre innerhalb des sozialen Netzwerks zwischen 2005 und April 2010 verändert hat. Fotos, Wall Posts und andere Profildaten sind seit der letzten Änderung der Geschäftsbedienungen nicht nur für Freunde und andere Facebook Nutzer, sondern je nach Einstellung auch für das gesamte Internet sichtbar.

Die Vorstellung, private Konversationen, Fotos von Familie und Freunden und andere private Details mit dem Rest der Welt zu teilen, lässt mittlerweile viele Nutzer aufhorchen. Gruppen wie We’re Quitting Facebook mit derzeit 11.357 Mitgliedern (Stand: 20.5.2010), die zum 31. Mai ihre Facebook-Profile löschen wollen, oder prominente Wortführer wie Leo Laporte und Peter Rojas, die ihre Accounts zumindest zeitweise deaktivierten, senden ein starkes Signal an die Facebook Nutzer. Selbst Facebooks Versprechen, demnächst einfachere Datenschutz-Einstellungen zur Verfügung zu stellen, scheint nicht zu überzeugen.

Das Diaspora Team hat es mit Hilfe der Online Plattform Kickstarter.com innerhalb von 20 Tagen geschafft, $176,064 von 5.331 Unterstützern zu sammeln und das ursprüngliche Ziel von $10.000 damit um mehr als das 17-fache übertroffen. Man kann davon ausgehen, dass viele der Spender aus Frustration über Facebooks Geschäftspolitik nach Alternativen suchten und diese schlussendlich fanden.

Mit dem eingefahrenen Startkapital wollen die Mitglieder des Quartetts hinter Diaspora nach ihrem College Abschluss im Sommer mit der Programmierung einer Plattform unabhängigen, dezentralen Infrastruktur beginnen und so ein sicheres, freies soziales Netzwerk schaffen. Den technischen Unterbau bildet dabei das von Tauschbörsen bekannte Peer-to-Peer Protokoll (P2P), wodurch jeder Diaspora Nutzer zum Verwalter seiner Daten wird. Die Kontrolle soll demnach von einer zentralen Instanz (wie z.B. Facebook) an den User übertragen werden, der anschließend über die Veröffentlichung seiner Informationen bestimmen kann.

Neben der finanziellen Rückendeckung hat Diaspora zudem die Unterstützung von Juristen, Programmieren und Beratern gewonnen, die das junge Team auf seiner weiteren Reise unterstützen wollen. Über den zukünftigen (Miss-)Erfolg der Plattform wird neben Faktoren wie Benutzerfreundlichkeit, Verlässlichkeit und Stabilität vor allem die Zahl der Nutzer entscheiden.

Facebook hat derzeit laut eigenen Angaben mehr als 450 Millionen Mitglieder. Eine gewaltige Anzahl, die die Entscheidung erschwert, sich von den bereits geknüpften Kontakten und verlinkten Fotos zu verabschieden. Die Hindernisse, die dem Erfolg des jungen Startup gegenüberstehen, sind damit mindestens so groß einzuschätzen wie die Hoffnung der Nutzer, die sich nicht weiterhin an Facebook binden wollen.

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